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Zukunft der Ernährung greift die drängenden Fragen einer zukünftigen Ernährungssicherung und der daraus entstehenden Konflikte auf und  setzt sich für friedliche und nachhaltige Lösungsansätze dieser potentiellen Konflikte ein.

 

Anerkannte internationale Studien (darunter der IV. Klimabericht des IPCC und der Weltagrarbericht des IAASTD) warnen vor einer konfliktträchtigen und krisenhaften Zukunft: Wasserknappheit, sich ausbreitende Dürren, schwindende Artenvielfalt, Bodendegradierung und -erosion, durch unberechenbare Klimaschwankungen hervorgerufene Missernten sowie Folgeschäden der Agrarchemie bedrohen die Produktivität der Landwirtschaft weltweit und damit die Nahrungsmittelproduktion für eine wachsende Weltbevölkerung.

 

Heute sind  über eine Milliarde Menschen, etwa 17% der Weltbevölkerung, chronisch unterernährt. Mangel- und Fehlernährungen bilden sich aber gleichzeitig fast vergleichbar stark aus und führen u.a. zu Übergewicht, Adipositas und ernährungsbedingten Stoffwechselkrankheiten. In den Zeiten eines globalisierten Agrarhandels kommt auch der Verteilung und sozialen Konnotation von Nahrungsmitteln eine große Bedeutung zu. Als Folge der globalen Entwicklungen ist in vielen Ländern seit 2007 ein starker Anstieg der Verbraucherpreise für Grundnahrungsmittel zu beobachten. Nach aktuellen Schätzungen wird die Nahrungsmittelproduktion unter heutigen Bedingungen und auf den heute genutzten Flächen in den kommenden Jahrzehnten klimabedingt zurückgehen und damit weitere Preissteigerungen um etwa 30 Prozent verursachen. Betroffen von der Volatilität der Lebensmittelpreise sind fast alle Gesellschaften. Für jene Menschen jedoch, die nach der üblichen monetären Armutsdefinition von weniger als 0,75 € pro Tag leben, sind Preisanstiege lebensbedrohlich.

 

Ursachen für potentielle Konflikte in der Zukunft

Studien aus internationalen Organisationen wie der Weltbank, dem IFPRI (International Food Policy Research Institute) oder der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zeigen dafür hauptsächlich
folgende strukturellen Ursachen als verantwortlich:  


Ursache 1 - Wasser: Weltweit haben über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Es ist zu erwarten, dass der Klimawandel den heute schon vielerorts spürbaren Wassermangel verschärfen wird. In manchen Gegenden wird es weniger regnen, in anderen wird es zu einer ungleichmäßigeren Verteilung der Niederschläge kommen mit gleichzeitig mehr Sturz- und Starkregenereignissen, die ihrerseits zu Überschwemmungen und Bodenerosion führen. Wird aber das Trinkwasser knapp, ist vor allem die Landwirtschaft beeinträchtigt, denn sie verbraucht mit mehr als 70 Prozent den größten Teil des global genutzten Süßwassers. Die Vollversammlung der UN hat im Juli 2010 den Zugang zu sauberem Wasser in den Menschenrechtskatalog aufgenommen.  


Ursache 2 - Ernährungsstile: Immer mehr Menschen, insbesondere in großen Schwellenländern wie China und Indien, sind in der Lage, sich Produkte wie mehr Fleisch, Milch und andere Nahrungs- und Genussmittel zu leisten. Das führt zu einer höheren Nachfrage nach Tierfutter. Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch z.B. erfordert 16 Kg Getreide und viele tausend Liter Wasser. Hinzu kommt die natürliche Steigerung der Lebensmittelnachfrage aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums.  


Ursache 3 - Agrosprit: Die Produktion von Pflanzentreibstoffen ruft eine  Konkurrenz um Flächen entweder für die Erzeugung von Lebensmitteln oder für Biomasse hervor. Es wurde errechnet, dass für eine Tankfüllung Ethanol  soviel Getreide benötigt wird, wie ein Mensch im Laufe eines Jahres für seine Ernährung braucht.

 
Ursache 4 - Peak Oil: Auch ein Anstieg der Erdölpreise, der nach peak oil zu erwarten ist, wird sich auf Lebensmittelpreise auswirken, wie dies zuletzt 2007/2008 der Fall war. Die heutige konventionelle Landwirtschaft ist auf einen ist auf Inputs wie Düngemittel und Pestizide angewiesen, die in sehr energieintensiven Prozessen erzeugt und anschließend transportiert werden müssen. In den Vereinigten Staaten werden beispielsweise 10 kcal Energie aus Erdöl verbraucht, um 1 kcal in Form von Nahrungsmitteln zu erzeugen.


Ursache 5 - Investitionen: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) benennt darüber hinaus die langjährigen mangelnden Investitionen in landwirtschaftliche Produktivität, die Überhitzung der globalen,  regionalen und lokalen Märkte sowie Spekulationen als Ursachenkomponenten rasant ansteigender Lebensmittelpreise. Weiterhin bedrohen Landaufkäufe zahlreiche Kleinbauern in Afrika und Südost-Asien.

Ein guter Teil der aufgeführten Problemlagen hängt  zwar mit Klimaveränderungen zusammen, ist aber auch stark von menschlichem Verhalten und politischen Entscheidungen wie auch von wirtschaftlichen Machtkonstellationen abhängig – also auch veränderbar.

 

Konfliktfeld Ernährungssicherheit
Nicht zufällig sind aber vorwiegend Regionen von Hunger und Armut zugleich Kriegsund Konfliktzonen. Ernährungsunsicherheit kann ebenso Folge wie Ursache kriegerischer Konfliktaustragung sein. Besonders krisen- und konfliktanfällige fragile Staaten sind gefährdet, auf Nahrungsmittelunsicherheit mit sozialen Unruhen zu re–
agieren. In der Folge können gesellschaftliche Destabilisierung und Zerfall sowie gewaltsam ausgetragene Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen um natürliche Lebensgrundlagen oder mineralische Ressourcen begünstigt werden.

 

Lösungsangebote internationaler Forschung - der Weltagrarbericht

Anders als im Weltentwicklungsbericht der Weltbank wird im Weltagrarbericht der Schwerpunkt auf Erhalt und Erneuerung der natürlichen Lebensgrundlagen durch langfristig naturgerechte Nutzung gelegt. Statt weiterer Handels-Liberalisierung, Technologisierung, Intensivanbau in Monokulturen (das trifft auch auf  die heute verfügbaren gentechnisch veränderten Pflanzen zu) sollte die Zielrichtung eine kleinräumig strukturierte, standortgerechte und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft mit intelligenten traditionellen Anbaumethoden, herkömmlich bewährten Verarbeitungsmethoden, durch partizipative Züchtung erzeugtes Saatgut und  natürlichem Dünger sowie regionalen Vermarktungsstrukturen sein. Dafür ist ein gemeinsames Konzept zur Nachhaltigkeit mit lokaler und grenzübergreifender Zusammenarbeit erforderlich.
IAASTD knüpft damit an die historisch ausgeprägte Multifunktionalität der Landwirtschaft an. So wird der Agrarsektor den Herausforderungen der Zukunft in ernährungsbezogener, sozialer und ökologischer Hinsicht gerecht. Auch das Konzept der Ernährungssouveränität wird in die Debatte einbezogen, das auf den Zusammenhang von lokalen, nationalen und globalen Ursachen und Effekten von Ernährungsunsicherheiten aufbaut. Es spricht jedem Staat das Recht zu, eigene Kapazitäten zur Nahrungsmittelerzeugung zu entwickeln und aufrecht zu erhalten, um Ernährungssicherheit unter Berücksichtigung natürlicher Besonderheiten, kultureller Diversität und produktionstechnischer Besonderheiten zu garantieren, wobei jedoch die Landwirtschaft anderer Länder nicht beeinträchtigt werden darf.  

 

Folgerungen für eine friedliche Konfliktbearbeitung

Globale Probleme sind miteinander verzahnt. Es ist zu erwarten, dass die Wechselwirkungen überwiegend in Richtung einer Verschärfung führen. Aktive Friedenspolitik muss daher im ersten Schritt immer zu einer Vermeidung zukünftiger Ernährungskrisen beitragen. Ihre Aufgaben liegen in einer Integration von
ziviler Konfliktbearbeitung, Krisenmanagement und -prävention sowie Waffenkontrolle, Abrüstung und Austrocknung des globalen  Drogenhandels und anderer offen krimineller Handelspraktiken (Edelsteine, Metalle). Sie muss auf Kooperation und den Aufbau gerechter sozialer und politischer Grundstrukturen setzen. Solche
sind nur denkbar im Kontext einer Ernährungsgrundsicherheit.

 

 

Hier kann ein Artikel heruntergeladen werden, der in der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis, Nr. 2, 20. Jahrgang, Juli 2011 zum Hintergrund des Projekts Zukunft der Ernährung erschienen ist.